Science Fiction und Überwachung ergeben seit jeher ein schönes Brautpaar. Wenn zudem jemand wie Philip K. Dick die Vermählung plant, gesellen sich auch noch illustre Gäste wie Manipulation, Verschwörung und Doppeldeutigkeit auf die Intrigenhochzeit dazu. Eine Doppeldeutigkeit habe ich mir bereits im Titel erlaubt. „Die Überwachung der Zukunft“ ist selbstredend als eindeutig zweideutig zu betrachten: einerseits ist Precrime ein visionäres Polizeiverfahren, welches in einer alternativen Zukunft stattfindet, auf der anderen Seite wird die Zukunft kontrolliert, indem die Precogs sie voraussagen. Allerdings ist Precrime auch ein philosophisches Gedankenexperiment, ein Appell an unser Gewissen und eine moralische Zwickmühle. Der Diskrepanz zwischen einer gewaltfreien Gesellschaft und der Inhaftierung von Menschen, welche (noch) unschuldig sind, kann man in meinen Augen nicht neutral gegenüberstehen. In Dicks The Minority Report wird diese Problematik gleich zu Beginn in einem Dialog zwischen Witwer und Anderton angesprochen: „You’ve probably grasped the basic legalistic drawback to precrime methodology. We’re taking in individuals who have broken no law.“ (Dick 1987: 324), und weiter: „We claim they’re culpable. They, on the other hand, eternally claim they’re innocent. And, in a sense, they are innocent.”
Die große Frage, die ich mir nun stelle, lautet: Ist die Bestrafung für ein Verbrechen, das noch nicht begangen wurde, moralisch vertretbar? Ich sage nein. Der amerikanische Philosophieprofessor John Nicholas Williams hat hierzu einen interessanten Text unter dem Titel Beyond Minority Report: Pre-crime, Pre-punishment and Pre-desert verfasst, in dem er sich mit Begrifflichkeit und Rechtfertigung von präventiver Bestrafung auseinandersetzt und Argumente aufzählt, die für und dagegen sprechen. So erklärt er etwa, dass der Begriff „Bestrafung“ überhaupt nur für eine Tat verwendet werden kann, die bereits zurückliegt. (Williams 2009: 7) Doch geht auch bei ihm der philosophische Gedanke über die reine Begriffsbestimmung von Bestrafung hinaus, was in diesem Zitat sehr gut auf den Punkt gebracht wird: „Whether suffering is inflicted on those who are innocent or on those who are future offenders, the real issue is not whether we should call the infliction ‘punishment’ but rather whether it is morally justifiable. “ (Williams 2009: 8)
Genau darum geht es mir, nämlich um die moralische Rechtfertigung der Precrime-Überwachung.
(Wer sich für eine Weiterführung der Problematik von präventiver Überwachung interessiert, dem kann ich nur ans Herz legen, den vollständigen Artikel von John Nicholas Williams zu lesen. Zu finden ist dieser unter folgendem Link: http://www.mysmu.edu/faculty/johnwilliams/LatestPublications/Beyond%20Minority%20Report%20Version%20For%20Vienna_24_02_08.pdf)
Betrachten wir Precrime also von einem ethischen Standpunkt aus. Meiner Meinung nach kann die Ethik das Precrime-System nur verurteilen. Ich will meine Gedanken und Argumente hierfür in zwei Punkten zusammenfassen:
(1) Precrime ist fehlbar. Da der Mensch fehlbar ist, wird auch ein System, das von ihm verwaltet und kontrolliert wird, immer fehlbar sein. Als Anderton darauf angesprochen wird, ob womöglich schon einmal Unschuldige weggesperrt wurden, antwortet er, dass dies durchaus möglich sei. (Dick 1987: 333) Die Verantwortung, ein solches System zu leiten, ist zu groß für den Menschen. Vermutlich ein jeder Leser dieses Blogs hat schon einmal den Ausspruch „Im Zweifel für den Angeklagten“ gehört. Ist die Zukunft nicht absolut (und das ist sie in The Minority Report natürlich nicht, ansonsten hätte Precrime keinen Nutzen), so bleibt immer ein gewisser Restzweifel bestehen.
(2) Precrime beraubt den Menschen seines freien Willens. Gut, jetzt könnte jemand behaupten, „Hey, vergiss den freien Willen, wenn wir dafür in einer Welt ohne Gewaltverbrechen leben können.“ An sich ein vertretbarer Gedanke, doch ich denke, so einfach ist das nicht. Der freie Wille ist es doch, der den Menschen schlussendlich auszeichnet. Der Mensch muss die Freiheit besitzen, sich entscheiden zu können. Moral, Gewissen und Zweifel sind Grundpfeiler der Ethik und sie alle fußen auf Entscheidungen. Wenn der Mensch verurteilt wird, bevor er sich entscheidet, gibt es kein moralisches Wertesystem mehr. Eine Überwachung, die den Menschen in seinem freien Willen und seinen Entscheidungen nicht einschränkt, sondern beides gar nicht mehr zulässt, geht über den Begriff der Überwachung hinaus.
Doch ist es nicht nur die Bestrafung, es ist der reine Gedanke, in die Zukunft zu blicken, der eine gewisse Schwierigkeit mit sich bringt. Ein Witz: Kommt ein Precog zum Arzt, sagt er: „Herr Doktor, Herr Doktor, ich habe schwere Depressionen. Ich sehe täglich Mord und Totschlag, ich halte das nicht mehr aus. Was soll ich tun?“ Antwortet ihm der Arzt: „Tja, vielleicht sollten Sie in der Zukunft etwas kürzer treten.“
Ich denke, der Mensch sollte die Precogs nicht benutzen, um die Zukunft auszuwerten, und seien deren Voraussagen noch so präzise. Die Kenntnis der Zukunft und deren Interpretation ist eine zu hohe Last, und wie bereits erwähnt, eine Verantwortung, die das Vermögen des Menschen übersteigt.
Precrime, Überwachung, Kontrolle, welchen Begriff man nun auch verwenden mag, keiner ist der Weisheit letzter Schluss. Ist die Gesellschaft eine glücklichere, in der die vermeintliche Zukunft kontrolliert wird? Sorgt Precrime für Gerechtigkeit? Ich wage es zu bezweifeln. „Und wie wollt ihr Gerechtigkeit verstehen“, fragt der libanesisch-amerikanische Philosoph Khalil Gibran (Gibran 2005: 50), „wenn ihr nicht alle Taten im vollen Licht anschaut?“ Nur dort kann Gerechtigkeit blühen, wo Taten mit Bedacht gegossen, und nicht wo sie im Keim erstickt werden.
Ohne tödliche Gewalttaten, so scheint es, ist die Gesellschaft auch keine harmonischere. Würden die Menschen ohne Morde im Einklang leben, so wäre Precrime nach einiger Zeit überflüssig, da keine Intentionen für weitere Gewaltverbrechen bestehen würden. Doch dem ist nicht so. Precrime mag Morde verhindern, nicht aber den Mordgedanken. Oder um es mit den malerischen Worten Gibrans zu sagen: „Leute (...), ihr könnt die Trommel dämpfen und die Saiten der Leier lockern, doch wer soll der Lerche befehlen, nicht zu singen?“ (Gibran 2005: 55)
Precrime kann vielleicht die Zukunft ändern, doch keine Überwachung der Welt vermag es, an dem Wesen der Menschen zu rütteln. Ein Restzweifel bleibt.
Quellen:
Dick, P. K. (1987). „The Minority Report“, in: Ders. The Philip K. Dick Reader.
Gibran, K. (2005). Der Prophet. 10. Aufl. Düsseldorf:
Williams, J. N. (2009). „Beyond Minority Report: Pre-crime, Pre-punishment and Pre-desert“, in:
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